Gespräch

Auszüge aus einem Gespräch zwischen Dr.Ute Schneider und Carl Krasberg am 20. Mai 2011 in seinem Atelier

U. Schneider: Wenn deine Bilder ausgestellt werden – wie viel muss man erklären? Kann man sich einfach darauf verlassen, dass die Bilder wirken, wenn die Besucher sich davor stellen und wirklich schauen?

C. Krasberg: Ich hoffe es. Ich habe Anfang Februar zwei Vorlesungen gehalten nur über meine Arbeiten, weil die Studenten mich so lange gedrängt haben, bis ich gesagt habe, das mache ich, aber wir müssen vorher noch einiges andere besprechen. Ohne dass sie etwas von Max Bill, Lohse und Gerstner gehört und gesehen haben, wäre es für die Studierenden sehr schwierig gewesen, Zugang zu meinen Bildern zu finden. Aber nach dieser Vorbereitung haben sie zweimal zweieinhalb Stunden aufmerksam zugehört und mit Staunen und großem Interesse reagiert. Und einige haben wohl schließlich auch nachvollziehen können, warum ich diese Art von Kunst mache. Und das freut einen dann ja auch, wenn andere Menschen so angetan sind von dem, woran man selbst seit langem arbeitet.

U. Schneider: Gibt es ein Manuskript?

C. Krasberg: Nein, kein Manuskript.

U. Schneider: Schade. – Weißt du eigentlich noch, wann du deine erste Begegnung mit konkreter Kunst hattest?

C. Krasberg: 1964 auf der Documenta.

U. Schneider: Aber du hast ja auch als Schüler immer schon gemalt und gezeichnet. Ich habe die frühen Arbeiten ja mal gesehen.

C. Krasberg: Ja, ich weiß. – Es muss also noch früher gewesen sein. Mein Kunstlehrer, Werner Habig, hat keine DIA gezeigt, hat mir wohl Bücher in die Hand gedrückt, Paul Klee, kann ich mich erinnern, aber eigentlich habe ich mich selbst informiert. Ich bin in Museen gelaufen, wo ich konnte. Für mich waren Mondrian und Klee die ersten. Und Albers habe ich sehr früh kennen gelernt, das muss Ende der Fünfziger Jahre gewesen sein. Und zwar gab es in Münster im Landesmuseum eine Ausstellung von Josef Albers . Ich stand staunend vor den Bildern und fragte: So was kann man malen? Ganz wichtig war dann auch die Documenta 1964 : Vasarely – riesig unterm Dach in rot und blau. Und diese kinetischen Objekte der Gruppe ZERO , und auch die filigranen Drahtobjekte von Kramer mit Rädern und Schräubchen und alles drehte sich und klang …

U. Schneider: Deine Bilder sind oft so ästhetisch, so schön in den Farben , und zugleich ist das keine langweilige Schönheit , sondern die haben etwas wirklich richtig Spannendes, Anregendes, manchmal sogar Befriedigendes. Richtig schön.

C. Krasberg: Das ist etwas, was viele Künstler heute verteufeln. Da bin ich wahrscheinlich einer der letzten Ästheten.

U. Schneider: Ja, so eine glatte Schönheit würde mich auch langweilen. Ein fortgeschrittener Rezipient braucht auch Stellen, die ihn irritieren, oder eine Sichtweise, die überrascht. Dabei ist es für die Wirkung des Kunstwerkes (fast) egal, wie es zustande gekommen ist.

C. Krasberg: Es muss auch keiner das Programm ablesen können. Das ist meine Art, ein Bild zu malen, aber das muss niemand durchschauen. Bei älteren Bildern weiß ich manchmal nicht mehr, wie ich sie konstruiert habe und muss mich anstrengen, das Programm zu entschlüsseln. Das ist fast unmöglich, wenn man nicht mehr weiß, wo man das Programm angefangen hat.

U. Schneider: Vielleicht solltest du den Start-“Stein“ markieren.

C. Krasberg: Ich mache mir auch keine Aufzeichnungen zu meinen Bildern.

U. Schneider: Ich dachte, du protokollierst.

C. Krasberg: Nur ganz am Anfang habe ich das gemacht.

U. Schneider: Lehnst du manchmal ein Bild ab?

C. Krasberg: Nein.

U. Schneider: Aber es gibt Bilder, die dir nicht so gut gefallen?

C. Krasberg: Ja. Es gibt Bilder, bei denen ich sagen muss, viel Zeit und Kraft investiert, und es ist doch nicht so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Das gibt es immer mal wieder, aber ich würde sagen, relativ selten.

U. Schneider: Auch mit wachsender Erfahrung immer seltener?

C. Krasberg: Ja.

U. Schneider: Kann man überhaupt voraussehen, wie ein Bild werden wird?

C. Krasberg: Ich kann sehen, wo bestimmte Farben sich verdichten, wo Helligkeiten, Symmetrien sein werden. Aber das Bild als Ganzes imaginieren kann ich nicht bei bis zu 10,000 Einheiten. Beherrschen lässt sich das nicht. Das ist schon ein Manko, wenn man Monate um Monate braucht, um ein Bild fertigzustellen, und dann erst das Ergebnis sieht, und wenn man Pech hat, war es nichts. Aber das ist selten mal passiert. Aber es gibt doch immer wieder Überraschungen. Das hält einen ja auch wach. Auch im Positiven, wie brilliant etwas wird. Und bei manchen Bildern weißt du überhaupt nicht, wieso. Und dann sagst du dir: Donnerwetter, da ist dir ein Wurf gelungen, da ist etwas Tolles entstanden. Auch das ist natürlich selten.

U. Schneider: Was treibt dich immer wieder an diese anstrengende Arbeit?

C. Krasberg: Die Neugier.